I. Der Ursprung von Sprache, Musik und Tanz: Die „Hmmmmm“-Kommunikation

Der Anstoß für die Theorie eines gemeinsamen Vorgängers von Musik und Sprache kommt aus der Linguistik. Davon gestützt formuliert Steven Brown im Jahr 2000 den Begriff „Musilanguage“. Die Gemeinsamkeiten in Phrasen-Struktur und in phonologischen Eigenschaften deuten für ihn eine gemeinsame Abstammung an.

Aus einem referenziellen und emotionalen Vokalisationssystem vergleichbar mit dem heutiger Affen habe sich zuerst Musilanguage entwickelt, daraus sich dann sowohl die Bezug nehmende Sprache als auch Musik, die Sprache der Emotionen, formiert. [1]

Simha Aron beschreibt Musik als Selbst-Bezugssystem, das den Kontrast “Bezugnehmer” und “Bezugnahme” ignoriert. [2]

Eine ausdifferenzierte Ansicht des Themas “Musiksprache” liefert Steven Mithen 2005 mit „The Singing Neanderthals“. Er definiert den Begriff der „Hmmmmm“-Kommunikation: Holistisch, manipulativ, multi-modal, musikalisch und mimetisch – in Anlehnung an frühere Vorstellungen eines nonverbalen, vor-sprachlichen, musikalischen Modus von Denken und Handeln [3].

Mithen, seines Zeichens Professor für Urgeschichte und Kopf der School of Human and Environmental Sciences an der Universität von Reading in England, beleuchtet auf brillante Weise das Geschehen an bedeutenden Fundorten der menschlichen Evolutionsgeschichte und präsentiert aktuelle Forschungsergebnisse aus benachbarten Disziplinen. Seine Folgerungen sind gespickt mit den Untersuchungsergebnissen von Linguisten, Musikwissenschaftlern, Neurologen, Anthropologen, Psychologen, Ethnologen, Ethno-Biologen, Archäologen u. m.

Eine bis heute durchgehende Sprache, die der Natur von „Hmmmmm“ recht nahe kommt ist Babysprache oder IDS (Infant Directed Speech) ― die Art wie Mütter, Väter, Geschwister und alle anderen mit Babies und Kleinkindern vor dem Erlernen von Sprache reden. Die melodischen und rhythmischen Eigenschaften von Sprache werden stark übertrieben, und sie bekommt einen musikalischen Charakter.

Musikalische Experimente belegen, dass Kleinkinder bis zum Entwickeln von Sprache ein absolutes Gehör besitzen, was nur auf einen von zehntausend Erwachsenen zutrifft. Wir verlernen diese Fähigkeit beim Adaptieren von Sprache. Auch bei Affen ist eine allgemeine musikalische Sensivität, basierend auf absolutem Gehör, festzustellen. Also ist es sehr wahrscheinlich, dass Hominiden und frühe Menschen, die noch keine aus Worten zusammengesetzte Sprache benutzten, ein absolutes Gehör besaßen. [4]

Das Kommunikationssystem der letzten gemeinsamen Vorfahren von Affen und Menschen vor 6 Millionen Jahren in Afrika kann mit dem von Affen verglichen werden. Grüne Meerkatzen sind bekannt für ihre Alarm-Rufe. Für verschiedene Bedrohungen durch Raubtiere (Leopard, Schlange, Adler) sind spezifische vokale Äußerungen in Kombination mit Gesten festzustellen: Bei Leopardenbedrohung lautes Bellen in Verbindung mit schnell auf den Baum klettern, und das Ermutigen der anderen, dasselbe zu tun. „Geschnatter“ und Stochern am Boden um eine Schlange zu finden und zu verscheuchen. Oder kurzes 2-silbiges Husten und Blick nach oben und, wenn nötig, sich verstecken, wenn ein Adler erspäht wird.

Bei Gelada Affen steuern akustisch variable Rufe, von denen viele sehr musikalisch klingen, soziale Interaktionen. Sie quatschen auf eine Art und Weise, die wie menschliche Kommunikation klingt. Die monogamen Gibbons singen sogar Duette unter Verwendung von Synchronisieren und abwechselndem Einsatz zum Stärken der Paarbindung. Bei Schimpansen und Gorillas kommen manipulative Rufe mit primär sozialen Funktionen vor. [5]

Eine Eigenschaft von „Hmmmmm“ ist ihre holistische Natur, d. h. es wird eine ganzheitliche Botschaft geäußert. Die Linguistin Alison Wray konstruiert mögliche ursprachliche Äußerungen wie „tebima“ für „gib ihr das“, oder „mutapi“ für „gib es mir“. Die Silben oder Einheiten hängen nicht mit der Bedeutung zusammen. Ein bekanntes Beispiel ist „abracadabra“ für „ich zaubere hiermit“. [6] Im Steinzeit-Session Experiment wurde z.B. das Unwort „Raggatagga“ für „Hirschjäger“ konstruiert. Das Gegenteil der holistischen, wäre die aus Worten zusammengesetzte Sprache, deren begrenzte Bestandteile in unbegrenzten Möglichkeiten kombinierbar sind.

Es handelt sich bei den Hmmmmm-Äußerungen eher um manipulative als um referenzielle (Bezug nehmende) Botschaften. Sie bestehen nicht nur aus stimmlichen Äußerungen, sondern sind multi-modal – auch mit Gesten verbunden (speziell bei den afrikanischen Affen), und haben eine musikalische Natur (Geladas und Gibbons). [7] Ein Element der Kommunikation unserer Ahnen fehlt noch. Es entwickelt sich mit dem aufrechten Gang: die Mimese. Im Folgenden wird der Begriff erklärt.

Schon die Australopithecinen vor über 4 Mio. Jahren waren es gewohnt, auf 2 Beinen zu stehen, obwohl sie noch viel Zeit am Baum verbrachten. Vor 2 Mio. Jahren passen sich Australopithecinen und frühe Hominiden, wie homo habilis und homo rudolfensis an das Leben in offenen Landschaften an. Ihre Lebensweise entwickelt sich weiter. Sie verwenden Chopping Tools und Abschlaggeräte zum Zerlegen von Tieren (Olduvai Schlucht). Fleisch spielt eine große Rolle, anders als bei heutigen Affen.

Frühe Hominiden leben in größeren Gruppen. Sie entwickeln eine neue Form von Verständnis: die Fähigkeit sich vorstellen zu können, dass die Meinungen, Wünsche, Intentionen und Gefühlszustände eines anderen Individuums anders sind als die eigenen. [8]

Es ergibt sich eine große Bandbreite an Rufen: Raubtier-Alarm Rufe, Rufe über die erhältliche Nahrung, Aufrufe zur Hilfe bei der Schlachtarbeit und Mutter-Kind-Kommunikation.Das Aufrechterhalten der Beziehungen bei Paaren und kleinen Gruppen wird über Verwenden von melodischen Rufen gesteuert.

Individuen drücken ihre Emotionen aus und lösen sie in anderen aus. Es wird auch synchron vokalisiert ― vielleicht wird ein Gemeinschaftslied gesungen, das in allen Individuen besänftigende Emotionen auslöst und in Stille ausklingt, wenn die Nacht hereinbricht und die Hominiden sich in den Bäumen schlafen legen. [9]

Mit homo ergaster vor 1,8 Mio. Jahren ist die Bipedie voll entwickelt, komplexe Bewegungen wie Laufen und Springen werden möglich. Dies initiiert zwei weitere Aktivitäten: Körpersprache und Tanz. [10]

Rhythmus ist essenziell für effizientes Gehen, Laufen und komplexere Koordinationen. Unsere zweibeinigen Vorfahren hatten den Rhythmus. Sie hatten noch etwas: vom Bewegungsapparat freie Hände, was eine drastische Erweiterung des Potentials für Gestik und Mimik bewirkt. [11]

Die frühen Menschen homo ergaster, homo erectus und homo heidelbergensis (ein direkter Nachfahre) benutzen Mimese. Darunter sind bewusste, selbst initiierte, repräsentative Handlungen zu verstehen. Beispiele sind „sich das Herz halten“ oder „das Gesicht verdecken“ um Kummer auszudrücken.

Mittels Tonfall der Stimme, Gesichtsausdrücken, Augenbewegungen, händischen Zeichen und Gesten, Haltung, Folgen von Ganzkörperbewegungen in vielen Varianten und langen Sequenzen dieser Elemente werden viele Aspekte der wahrgenommenen Welt ausgedrückt. Auch das Imitieren von Tieren fällt bei Mithen in diese Kategorie, aber er merkt auch an, dass die frühen Menschen noch nicht fähig waren, sich in das Tier hineinzuversetzen, das sie imitieren, wie es bei modern-menschlichen Jägern der Fall ist [12].

Moderne Menschen besitzen, was Mithen „Theory of Mind“ nennt: ein Bewusstsein, das Vorstellungssätze aus mehreren mentalen Modulen kombiniert. [13]

Das Nachahmen von Bewegungen und stimmlichen Äußerungen von Tieren ist bereits ein Bestandteil der „Hmmmmm“-Kommunikation.

Dieses Kommunikationssystem beinhaltet ganzheitliche vokale Äußerungen mit musikalischem Charakter und Körpersprache mit rhythmischen Eigenschaften. Es handelt sich aber nicht um Musik und Tanz als darstellende Kunst, wie wir sie heute verstehen.

Erst homo sapiens sapiens entwickelt eine Form des selbst-reflektierten Denkens und die zusammengesetzte Sprache, die aus einer begrenzten Anzahl von Worten eine unbegrenzte Anzahl an Äußerungen ermöglicht, was Musik und Tanz von der Aufgabe der Informationsübermittlung befreit.

Alle Spezies der Menschengattung vor homo sapiens sapiens verwenden „Hmmmmm“.

Gemeinsames „Hmmmmm“en fördert die Kooperation beim Teilen der Nahrung und beim gemeinsamen Jagen und stärkt den Gruppen-Zusammenhalt.

Ein enger Verwandter des modernen Menschen ― der Neandertaler ―  sorgt in Fachkreisen für rege Diskussionen, vor allem seit dem Fund der „Flöte“ aus Bärenknochen von Divje Babe, die keine sein soll. Mithen folgert, dass die immense kulturelle Stabilität der Neandertaler über 250 000 Jahre ein Indiz für das Fehlen von Sprache, und die Verwendung von „Hmmmmm“ ist [14]. Aus seinem 1996er Buch „Prehistory of Mind“ [15] stammt der Begriff der „Domänen-spezifischen“ Intelligenz: Ein sehr modernes Denken und Wissen über die natürliche Welt, physische Materialien und soziale Interaktionen — aber auch eine Unfähigkeit Verbindungen zwischen den Domänen herzustellen. Sie können ihre technischen Fähigkeiten, Steingeräte herzustellen, nicht umwälzen auf soziales Denken, um Schmuck oder Kleidung herzustellen. Sie entwickeln keine spezialisierten Jagdwaffen. Es sind keine eindeutig symbolischen Artefakte bekannt [16]. In “Prehistory” of the mind betonte Mithen die ausschließliche Verwendung von Stein- und Holzwerkzeugen und den fehlenden Nachweis für das Schnitzen von Knochen und Geweih. Allerdings geht der Neandertaler den nächsten großen Schritt in der Werkzeugherstellung nach dem Faustkeil (ab ca. 1,4 Millionen Jahre v. h.) ― mit der Levallois-Technik zu Herstellung spezieller Speer-Spitzen.  Desweiteren sind die Grundbausteine für die modern-menschliche Psyche (kognitive Domänen oder Intelligenzen) bereits vorhanden (wenn auch durch kognitive Barrieren getrennt): Pauschal-Intelligenz, Naturkunde-Intelligenz, Technische Intelligenz sowie Soziale Intelligenz mit einer Erweiterung für Sprache [17], bzw. Hmmmmm.

Mit dem Wachstum des Gehirns im Laufe der Evolution werden die Geburten beschwerlicher. Dies führt schließlich dazu, dass Babies früher geboren werden, und die Phase der Hilflosigkeit nach der Geburt länger wird. Die größeren Körper, das Leben in der fordernden Umwelt der Eiszeit, der große Aufwand beim Aufziehen der Kinder und die größere Bedeutung von Kooperation bei den Neandertalern, führt zu  einem komplexeren und mehr ausgeprägten musikalischen Kommunikationssystem als bei allen früheren menschlichen Vorfahren. Emotionen und detaillierte Informationen über die natürliche Welt werden mittels ikonischen Gesten, Tanz, Lautmalerei, Stimmen-Imitation und Klang-Synästhesien [18] übermittelt. Dadurch, dass keine zusammengesetzte Sprache erlernt wird, bleibt das absolute Gehör erhalten. Die musikalischen Fähigkeiten der Neandertaler sind höher entwickelt als die der früheren menschlichen Vorgänger, und auch höher entwickelt als die des modernen Menschen [19]. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Neandertaler in den Höhlen nicht nur sangen und tanzten, sondern dass auch natürliche Objekte angespielt wurden. D.h. es wurden Steine und/oder Knochen aufeinander geschlagen und es wurde durch Hörner oder Muscheln geblasen. Das Domänen-spezifische Denken machte es ihnen möglich, einen unmodifizierten Stock zu nehmen um einen Rhythmus auf dem Boden zu klopfen, aber nicht einen Knochen in eine Flöte zu transformieren, so Mithen. [20] Die „Flöte“ aus Divje Babe wird in Kapitel III.6 Gelochte Höhlenbärenknochen behandelt.

Der verstärkte evolutionäre Druck auf Kooperation und Informationsaustausch führt vor ca. 200 000 Jahren zur Entwicklung von Sprache beim Homo Sapiens in Afrika. Durch Segmentation, das Aufteilen von holistisch-ganzheitlichen Äußerungen in Teile, entsteht ein zusammensetzendes Sprachsystem, das „Hmmmmm“ zunächst ergänzt und seit ca. 100 000 Jahren überwiegt.Der Verlust des absoluten Gehörs beim Sprache-Erlernen vermindert die musikalischen Fähigkeiten. Zusammengesetzte Sprache hat einen starken Einfluss auf das menschliche Verhalten. Um ca. 50 000 v. H. wird ein demographischer Schwellenwert überschritten. Mit ausreichender Bevölkerungsdichte werden neue Verhaltensweisen fixiert, und gehen nicht mehr verloren, wenn Individuen sterben oder Gruppen aussterben. Die zusammengesetzte Sprache ist nicht nur ein besseres Mittel für Informationsaustausch, sondern ermöglicht auch neue Arten zu Denken. [21]

Mithen verwendet den Begriff kognitive Fluidität. Sie ersetzt das Domänen-spezifische Denken. Die Grenzen zwischen menschlichen und technischen Welten kollabieren. [22]

Die Evolution des Geistes läuft nach Mithen in drei Phasen ab: Von einer Pauschal-Dömane anfangs; über eine Phase der Ergänzung mit mehreren spezialisierten Domänen, die isoliert voneinander funktionieren; In der dritten Phase arbeiten die Domänen übergreifend ― mit einem Strom von Wissen und Ideen dazwischen. [23]


[1] Brown 2000.

[2] Arom 2000, 27.

[3] Wray 1998. ‒ Blacking 1973. ‒ Brown 2000.

[4] Mithen 2005, 76-79.

[5] ebd., 107 f.

[6] ebd., 149.

[7] ebd., 105-121.

[8] ebd., 128

[9] ebd., 137 f.

[10] ebd., 144.

[11] ebd., 150-155.

[12] ebd., 167-169.

[13] ebd., 264 f.

[14] ebd., 230 f.

[15] ders., 1996.

[16] ders. 2005, 229-233.

[17] ders. 1996, 18 f.; 133-163 bes. Abb. 11, 15.

[18] Klang-Synästhesie bezeichnet die direkte Beziehung zwischen einem Objekt und dem Namen dafür. Z. B. Verwenden von den Vokalen „a“, „o“, „u“ für große und von „i“ eher für kleine Objekte, was mit der Verwendung von großem oder kleinem Mundraum für die Vokalisation korreliert. Das steht in Kontrast zu dem linguistischen Fakt, dass die Verbindung zwischen einem Objekt und seinem Namen willkürlich ist. Forschungen über Tiernamen von Naturvölkern und Hörexperimente ergeben, dass Namen für Tiere nicht absolut willkürlich sind, sondern dem Tier eigene Eigenschaften reflektiert werden, inklusive Klang, Größe und der Art, wie es sich bewegt. (nach: Mithen 2005, 169 ff.)

[19] ders. 2005, 234.

[20] ebd., 243.

[21] ebd., 259-263.

[22] ebd., 270.

[23] ders. 1996, 69.

 

             II.     Vom Singen und Tanzen zur Kunst

 

Bereits an einem Fundort des Heidelbergermenschen von vor 400 000 Jahren in Bilzingsleben in Süddeutschland könnte ein archäologischer Befund für eine Sing-Tanz-Performance vorliegen. Es handelt sich um eine kreisförmige Knochenformation mit Kohleresten im Inneren. Ausgräber Dietrich Mania denkt an eine Hütte bzw. einen Windschirm mit Feuerstelle im Inneren. Außerdem stammt aus Bilzingsleben ein Knochen mit parallelen Ritzungen, die Mania als Symbolischen Code interpretiert. Kritiker zweifeln. Clive Gamble, ein Londoner Archäologieprofessor denkt an einen Wasserabfluß-strudel für die Knochenformation und an einen verbrannten Baum für die Holzkohle. Er bezweifelt auch, dass die Knochen bewusst geritzt wurden. Mithen deutet die Knochenformation als abgegrenzten Raum für Darbietungen. [1]

Das Neandertaler Äquivalent bildet eine vierseitige Struktur aus Stücken von Stalagmiten und Stalaktiten, 5 mal 4 Meter groß, mit einem angebrannten Bärenknochen darin, einige hundert Meter im Inneren der Höhle von Bruniquel in Südfrankreich. Es könnte sich um eine Sing-Tanz-Szene gehandelt haben [2].

Bei Bilzingsleben und Bruniquel kann aber noch nicht von darstellender Kunst im engeren Sinn ausgegangen werden. Es handelt sich eher um eine kommunikative Situation.

Steven Mithens vierter Akt in seiner Evolutionspsychologie (“Theory of the Mind”) besteht aus zwei Szenen:

Von ca. 100 000 – 60 000 J. v. h. lebt der homo sapiens sapiens gemeinsam mit den Neandertalern und den archaischen homo sapiens in Asien und Afrika. Das Steingeräteinventar ist dasselbe. Neu ist im Nahen Osten die Grabbeigabe (Teile von Tierkadavern auf den Toten); Knochen als Werkzeug verzeichnet Mithen bereits um 500 000. Das erste bearbeitete Exemplar bietet Katanda in Zaire um 90 000. Erst um 40 000 liegen dann verstärkt Funde vor (z. B. eine Pfeilspitze aus der Border Cave). [3]

Die zweite Szene in Akt 4 ist die Zeit in der die Out-of-Afrika-Wanderung vonstatten geht. Aus Afrika kommt der moderne Mensch mit Booten nach Australien. Ebenso tritt um 60 000 statt der Levalloistechnik eine neue und einfacher zu bewerkstelligende Steinbearbeitungstechnik auf. Im Pre-Aurignacien in Nordafrika und im Nahen Osten treten bereits um 100 000 J. v. h. die sog. Klingen auf. Um 40 000 verzeichnet Mithen die systematische Klingenherstellung aus prismatischen Kernen. Mithen beschreibt, dass nun die Requisiten auf der Bühne der menschlichen Psyche dominieren. In Afrika beginnt die Späte Steinzeit, In Asien ist die Situation ähnlich (vielleicht aber erst später). [4]

Mit dem Einwandern des homo sapiens in Europa ab ca. 40 000/38 000 v. h. endet hier das Mittelpaläolithikum und die jüngere Altsteinzeit beginnt. Hier spricht man mit der Aurignacien Kulturstufe von kultureller Modernität. Die Herstellung von Steingeräten wird effizienter, Artefakte aus Knochen, Geweih und Elfenbein erweitern das Gerätespektrum und werden nun zu regelhaft präsenten Werkzeugen [5]. Die ersten figürlichen Objekte, deren ästhetischer Ausdruck eindeutig Kunst im heutigen Sinne darstellt, wurden an der schwäbischen Alb in Südwestdeutschland gefunden. In anderen Gebieten Europas sind aurignacienzeitliche (ca. 35 000 bis 25 000 Jahre v. u. Z.), und jüngere Höhlenmalereien Zeugnisse von der Umwelt und der Vorstellungswelt der modernen Menschen im eiszeitlichen Europa. Zur selben Zeit erscheinen die ältesten bewusst hergestellten Musikinstrumente. Die Neandertaler (homo sapiens neandertalensis) leben bis ca. 26 000 v. H. parallel mit homo sapiens sapiens ― dem modernen, verständigen Menschen.

Inwieweit eine gegenseitige Beeinflussung gegeben war, zeigt sich in der Chatelperronien-Kulturstufe, einer Neandertaler-Kultur, die Elemente vom modernen Menschen adaptiert. Aufgrund der höher entwickelten Musikalität der Neandertaler-Kommunikation waren moderne Menschen und Künstler möglicherweise auch von den singenden Neandertalern inspiriert. Vermutlich haben sie gemeinsam musiziert und getanzt.

Die Musik des Aurignacien wird also von zwei Seiten angepeilt: einerseits von der aus Worten zusammengesetzten Sprache und andererseits von Hmmmmm. Sie baut eine Brücke zwischen zwei verschiedenen Denkweisen bzw. Ausdrucksformen. Für die Blüte der Kunst in  der jüngeren Altsteinzeit ist die Rolle des Neandertalers nach wie vor eine miteinzubeziehende Variable.

Wie eng die Verbindung war zeigt jedenfalls die Tatsache, dass jeder Europäer und Asiate einen gewissen Prozentsatz Neandertaler-DNA in sich trägt, was neuere Untersuchungsergebnisse (2010) vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie belegen. Von einem Aussterben kann also nicht mehr die Rede sein.

Um 20 000 v. H. ist in der letzten großen europäischen Eiszeit das Kältemaximum erreicht. In der folgenden Zeit setzt eine technologische Weiterentwicklung der Waffen ein.

Ab. ca. 20 000 verzeichnet Mithen Knochenharpunen und den Pfeilbogen, ab 18 000 Knochennadeln. Die erste bekannte Architektur ist aus Mammutknochen gebaut (Kostjenki). Gebrannter Lehm kommt zum ersten Mal um 26 000 in Form von Figuren vor (Dolní Věstonice), für Keramikgefäße erst um 8 000. [6]

 

Die frühesten Beweise für darstellende Kunst treten, mit der kulturellen Modernität, fast gleichzeitig mit der bildenden Kunst auf. Beide sind Methoden, bei denen der Mensch sein Inneres nach außen projiziert. Das tragende Element in der darstellenden Kunst sind die Personen. Das Wort persona aus dem Lateinischen bedeutet so viel wie „Maske“. Für Leonhard Franz bezeichnet dies „jene Vorrichtung, mit welcher man sich […] ein künstliches Gesicht zulegt, um ein anderes Wesen vorzutäuschen, als man wirklich ist“. [7] Das Tragen von Tiermasken ist durch die bildende Kunst belegt. Das gehörnte Wesen und der Zauberer, die auf den Wänden der Dreibrüder Höhle bei Toulouse abgebildet sind sowie das Abbild auf einem Kommandostab aus Abri Mège Teyat in der Dordogne oder aber auch der Höhlenmensch von Hohlenstein-Stadel könnten bildliche Darstellungen von Schamanen in Tiervermummung sein. Das Abbild eines Tungusischen Schamanen von 1705 durch den Holländer N. C. Witsen zeigt eine ähnliche Situation. [8]

Tafel_04_800Für Karl J. Narr und Nancy E. Auer handelt es sich eher um proto-totemistische teriomorphe Portraits von höheren Wesen. Diese vermitteln zwischen Menschen und Tieren und vereinigen sie. Der Herr der Tiere, der Jäger oder das Jagdgebiet, sowie Geister des Waldes und des Wilds spielen auch eine große Rolle in der Religion heutiger Naturvölker. [9]

Tiermasken dürften im Jagdkult eine wichtige Rolle gespielt haben ― als bedeutendes Mittel in den Ritualen. Ob es sich bei den Zauberern von Les Trois Frères um menschliche oder um übernatürliche Vorbilder gehandelt hat, ist nicht zu eindeutig zu klären. Vielleicht trifft beides zu. Der Mann in Wisentmaske hält jedenfalls einen länglichen Gegenstand in der einen Hand, der als Längsflöte oder auch als Musikbogen interpretiert wird. Die Abbildung ist nicht eindeutig. Manche Forscher bezweifeln sowohl das eine als auch das andere [10]. In den selben Abschnitt der jüngeren Altsteinzeit wie die Malereien von Les Trois Frères ― das Magdalenien (ca. 20000-14000 J. v. h.) – datiert eine Querflöte aus Elchgeweih aus Moldova (Südukraine). Sie ist der Länge nach durchbohrt, was technologisch bemerkenswert für diese Zeit ist. Die Handhabung der Moldova Flöte entspricht der Art des Dreibrüder-Höhlen Zauberers [11]. (Taf. 5)

Taf_05_neuEine weitere frühe bildliche Darstellung – möglicherweise ein Musikinstrument – ist das Bovidenhorn in der Hand der Venus von Laussel (Taf. 6). Es könnte sich um eine Hornrassel [12], aber auch um einen Hornschraper mit Kerben, die beim Darüber-Streichen ein Geräusch ergeben, handeln. Die Venus von Laussel ist ca. 25 000 Jahre alt und wurde 1911 in der Höhle von Laussel bei Marquay (Dep. Dordogne) in Frankreich entdeckt. Die dreizehn Kerben auf dem Bovidenhorn könnten symbolisch, für den Mondkalender stehen. Es ließe sich möglicherweise auch auf 3- und 4-taktige Rhythmen schließen. Es ergeben sich die Teiler 3*4+1. Also 3 4-taktige oder 4 3-taktige Phrasen plus einem Abschlussschlag.

Die tanzende Körperhaltung der Silhouettenfigur vom Galgenberg bei Stratzing (NÖ) (Taf. 6) ist eine der ersten bildhaften Darstellungen von Tanz. Die Amphibolit – Reliefplastik aus dem Aurignacien hat den Beinamen „Fanny“, nach der berühmten Tänzerin Fanny Elßler. Von Ausgräberin Christine Neugebauer-Maresch wird sie als Tänzerin gedeutet. Andere Deutungen, wie einen Mann, der eine Keule über der Schulter trägt, sind möglich, lassen sich aber nicht absichern. [13]

Tafel_06_800Magdalenien-zeitlich sind die Gravierungen auf Schieferplatten und die Statuetten aus Schiefer von Gönnersdorf (Kreis Neuwied / Rheinland-Pfalz) (Taf. 6). Es sind Körper in Bewegung, wie bei einem Reigentanz abgebildet. Solche Steinplatten wurden hier zum Bau von Feuerstellen und als Pflasterung im Siedlungsbereich verwendet. [14]

 

Diese Stellvertreter im archäologischen Befund zeigen zum ersten Mal die Abbildung von tanzenden Menschen (und Mischwesen). Daraus ist auf keinen Fall zu folgern, dass frühere Menschen den Tanz als Ausdrucksform nicht kannten. Bereits die ersten voll aufrecht gehenden Menschen entwickeln Rhythmusgefühl und drücken Emotionen aus oder übermitteln Informationen. Tanz ist eine der Ausdrucksformen, die ihre Wurzeln in der „Hmmmmm“-Kommunikation haben. Sprache, Tanz und auch Musik bilden die Weiterentwicklungen von der Art und Weise, wie sich frühere Menschen verständigt haben.


[1] Mithen 2005, 173 ff.

[2] ebd., 242.

[3] ders. 1996, 20; 25.

[4] ebd., 20 f.; 25.; 134.

[5] Floss 2006.

[6] Mithen 1996, 25.

[7] Franz 1969, 79 fff.

[8] nach: Franz 1969, 77.

[9] Narr / Auer 1964, 16 f.

[10] nach: Holdermann 2001, 94.

[11] nach: Häusler 1960, 151.

[12] Seeberger 2002, 67.

[13] nach: Müller-Beck 2001, 51.

[14] Simon 2001, 71.

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