9. Langflöten/-pfeifen

Mit dem Erscheinen der Langflöten bzw. Einfachrohrblättern mit mehreren Löchern beginnt die Geschichte der Melodieinstrumente.

Es gibt einige Funde aus Knochen und Elfenbein, jedoch ist keine Anblasvorrichtung mit Kernspalt (vgl. Blockflöte) erhalten.

Der erste diesbezügliche Ansatz ist die Klarinette/Schalmei vom Hohle-Fels, sowie vielleicht ein weiteres Einfachrohrblatt vom Geißenklösterle (“Steinzeitklarinette” und “Steinzeitsaxophon”).

Von 1973 bis 1990 werden in Schichten des oberen Aurignacien drei Flöten (?!) in Fragmenten aus der Geißenklösterle Höhle geborgen. Flöte 1, aus dem Radius-Knochen(Speiche, Unterarm) eines Schwans (Abb. “Steinzeitsaxophon”)) wurde aus 23 Fragmenten wieder zusammengesetzt, die auf ca. 30 cm verstreut waren. Von Flöte 2 sind sieben Fragmente erhalten, die auf 14 cm streuen. Beide zeigen Kerben und flach geschnittene Grifflöcher.

Der archäologische Horizont, aus dem die Fundstücke stammen, kann über anorganische Artefakte und Schmuckstücke dem Aurignacien zugewiesen werden, was durch Radiokarbon- und auch durch Thermoluminiszenz-Analysen bestätigt werden konnte. [1]

Das dritte Geißenklösterle-Instrument ist aus Mammutelfenbein. Das stellt im Vergleich zu dem Arbeiten mit einem Vogelknochen, der von Natur aus hohl ist, eine technische Meisterleistung dar. Es wurden zwei Hälften produziert, ausgehöhlt und wieder luftdicht zusammengefügt [2].

Friedrich Seeberger beweist durch Experimente die Spielbarkeit als Schrägflöten [3].

Allein in den Jahren 2005 und 2008 wurden Fragmente von fünf weiteren Exemplaren in den Höhlen von Vogelherd und Hohle-Fels ausgegraben. Eine aus Vogelknochen, drei aus Mammutelfenbein und eine aus Gänsegeier-Radius-Knochen. [4]

Die 1994 in Grubgraben bei Kammern, in Niederösterreich gefundene Knochenflöte ist aus dem Schienbein (Tibia) eines mittelgroßen Huftieres gefertigt. Es handelt sich um ein Fragment mit drei Löchern, aus einer Schicht von vor 19 000 Jahren.

Die Anblasvorrichtung ist wie bei den bisher erwähnten Flöten nicht erhalten. Es gibt als Flöte drei Möglichkeiten: Querflöte, Längsflöte oder Kernspaltflöte. [5]

anblas_800In der ungarischen Höhle Istálloskö könnte die Querflöte bereits im Jungpaläolithikum bei den Höhlenbärenknochen vertreten sein [6]. Diese Querflöte könnte allerdings natürlich durch Verbiss entstanden sein.

Eine vollkommene Querflöte ist die bereits erwähnte der Station Moldova V am rechten Dnister-Ufer in Moldawien [7]. Sie könnte unter Umständen auch mit der Nase angespielt worden sein, und wird auch als Nasenflöte angesprochen [8].

Die fast vollständig erhaltene Flöte mit vier Löchern von Isturitz, wird als Kerbflöte gedeutet. Bei den Rekonstruktionen der Steinzeit-Session wurden die Abstände der Löcher der Isturitz-Flöte herangezogen. [9]

Am wahrscheinlichsten für Grubgraben bei Kammern befinden Einwögerer, Käfer und Fladerer, die sich mit der Flöten-Anblastechnik auseinander gesetzt haben, das Einsetzen eines Kerns aus organischem Material [10].

Im Experiment zeigt sich die Spielweise als Kerb-, Schräg- und Querflöte sehr anspruchsvoll und wir gehen dazu über, ein Mundstück aus Bienenwachs und Holz- oder Knochenblättchen einzubauen.

Es liegt nahe, den Luftstrom, der auf eine Kante gelenkt wird, zu stabilisieren.

Einen Kern ganz aus Holz zu schnitzen und schleifen ist aufwendiger, aber die Mundstücke sind robuster und weniger anfällig auf Temperaturerwärmung.

Vermutlich ist das Einbauen eines Mundstückes eine rasche Entwicklung aus direkt an einer Kante angeblasenen Flöten.

Allerdings der Homo sapiens aus Afrika scheint regelhaft keine Mundstücke zu verwenden, und auch keine Grifflöcher anzubringen, wie aus der Musikethnologie zu folgern ist (s. u.).

Eine Erfindung der Jungsteinzeit (5000 – 2200 v. Chr.) ist die keramische Gefäßflöte.

KerflöNicht zu vergessen sind all die Flöten und Pfeifen aus Holz, die heute nicht mehr auffindbar sind, aber bestimmt verwendet worden sind, vermutlich schon vor allen anderen Materialien. Mit den Flöten (und Mirlitons!) beginnt das feste tonale System. Die Abstände der Löcher entsprechen festen Tonstufen. Ein starker Einfluss auf die Melodieführung dürfte aus der Richtung des Vogelgesanges gekommen sein (Lockpfeifen, getarnte Signale).



[1] Conard et. al. 2004, 449.

[2] ebd., 456.

[3] Seeberger 2003.

[4] Conard / Malina / Münzel 2009a, 739.

[5] Einwögerer / Käfer / Fladerer 1998, 21.

[6] nach: Meyer 1977, 30.

[7] Häusler 1960.

[8] Holdermann 2001, 91.

[9] nach: Seeberger 2002, 64 f.

[10] Einwögerer / Käfer / Fladerer 1998, 29.

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