1. 1. Schlagen, Klopfen und Trommeln

Die Verwendung von Holzgeräten ist anhand moderner Affen schon für den gemeinsamen Vorfahren ― das. sog. missing link ― anzunehmen. [1]

Steine und Hölzer wurden auch zur Klangerzeugung genutzt. Es ist z. B.  durch Schlagspuren nachgewiesen, dass Tropfsteine angespielt wurden [2], was starke Klänge, ähnlich einem Marimbaphon, erzeugen kann.

Flusskiesel ergeben ans Kiefer gedrückt Töne entsprechend dem Mundhohlraum. Die Idee stammt vom Ensemble “Archaeomusik Vienna” mit Beate Maria Pomberger.

Klapperstöcke werden bei den Abouriginee begleitend zum Didgeridoo eingesetzt (s. u.). Man könnte sie nicht nur aufeinanderschlagen sondern auch mit zwei Stöcken Trommeln.

Schon die ersten aufrecht gehenden Menschen mit freien Händen könnten z. B. auf Schädelknochen getrommelt haben, oder auf ihrem Brustkorb (gutes Beispiel für Trommeln auf strenggenommen nicht-musikalische Art sondern eher auf eine kommunikative Weise).

 

Auf das Spielen von Rahmentrommeln weist ein typisch geformter Schlegel hin. Durch das Drehen des Schlegels kann ein rascher Wirbel gespielt werden. Vom System her könnte man dies mit den Handtrommeln mit zwei Klöppeln vergleichen, die wie Glockenklöppel auf die kleine Trommel einprasseln.

Kurt Sachs nennt sie Rasseltrommeln [3]. Es können treibende Wirbel erzeugt werden.

Rahmentrommelschlegel

Ein als solcher Trommelschlegel angesprochenes T-förmig abgerundetes Rentiergeweihstück, stammt aus dem Magdalenien der Brillenhöhle an der schwäbischen Alb in Südwestdeutschland ― aus dem Umfeld des ältesten Kunstschaffens in Europa. Die Form und Enden entsprechen der Abbildung eines lappischen Schamanen aus dem 17. Jahrhundert beim deutschen Philosophen und Altertumsforscher Schefferus. [4]

Tafel_08_800Felle und Tierhäute gehören zu den ältesten Rohstoffen des Menschen. Der entscheidende Moment für die Entwicklung der Trommelmembran ist sehr früh anzusetzen und wohl mit dem Aufhängen von Tierhäuten zum Trocknen verbunden. So würde ein Stangen Rahmen angelehnt über eine Aushöhlung im Fels bereits eine gute Resonanz ergeben. Einen geeigneten Rahmen aus einem Baum zu schnitzen war technisch durchaus möglich. Ein Baumstück mit möglichst rundem Querschnitt muss in eine Scheibenförmige Form geschnitzt werden. Diese runde Scheibe muss nur mehr von innen her ausgestemmt werden, und der Holzring einer Rahmentrommel ist fertig.

Rahmentrobau

Hohle Holzkörper können etwa in Form eines ausgebrannten Baumstumpfs auftreten. Weiters sind etwa durch Rotfäule ausgefaulte Bäume, die bevorzugt von Ameisen ausgefressenen werden [5] oder etwa Spechtbauten zu berücksichtigen. Rahmentrommeln können aus rundem Rutengeflecht, oder aus einem Holzring gefertigt werden.

Die Haut wird mit Lederriemen über den fertigen Rahmen gespannt (Taf. 10) [6]. Rahmentrommeln haben eine antreibende und aufpeitschende dionysische Wirkung, und sind noch heute z. B. in der irischen Folk-Musik und bei verschiedensten modernen Musikgruppen im Einsatz. Im Grunde wird dieselbe Wirkung erzielt wie mit heutigen Elektro-Bass-Beats.

Der Anthropologe Michael Harner [7] stellt (nach über 40 Jahren Feldforschung bei Naturvölkern) Trommeln und Rasseln in Kontext mit der schamanischen Reise. Monotones Trommeln und Rasseln bewirkt eine Bewusstseinsveränderung, die Schamanen nutzen um wohltuende Kräfte wiederherzustellen oder schädliche Kräfte zu entfernen. [8]

Die früheste Darstellung einer Trommel stammt vom sogenannten „hunting-shrine“ der Jungsteinzeitlichen Siedlung Çatal Hüyük in der heutigen Türkei. Ein tanzender Musiker schlägt eine Rahmentrommel [9]. Susanne Münzel geht von Weidenrutenkränzen mit Tierhautbespannung als den jungpaläolithischen Urformen aus [10]. Auch B. M. Pomberger zählt Rahmentrommeln zu den ältesten Musikinstrumenten. Sie überliefert, wie im eurasischen und amerikanischen Raum Trommelrahmen aus der Latte eines Baumes über heißem Wasser gebogen werden. [11]

Aufgrund der Vergänglichkeit von Holz und Leder sind keine Trommeln aus der Altsteinzeit erhalten.

Ab dem 3. Jahrtausend sind kleine, aus gebranntem Lehm hergestellte, Sanduhr- oder Becherförmige Trommeln aus Polen, Tschechien, Mittel- und Nordwestdeutschland im archäologischen Fundgut verzeichnet [12].

KeratroEin Hauptgrund für die begrenzte Anzahl der Nachweise ist, dass viele Keramiktrommeln nicht als solche erkannt werden [13].

 

Pomberger macht auf die etlichen Fußschalen der Lengyel-Kultur aufmerksam, die ― wie Hermann Maurer 1992 in “Nachweise prähistorischer Musikausübung im Waldviertel” [14] bemerkte ― durchaus als Fußpauken gedient haben dürften [15]. Neben dem technischen Können des Trommlers setze dieser nach Pomberger Gefühle frei, die sowohl ihn selber, als auch den Zuhörer in eine andere Dimension versetzen, die geistig nicht mehr kontrollierbar ist. Das Überwinden dieser inneren Grenze und das sich völlig Einlassen auf Emotionen würden Musik und ihren Zauber ausmachen. [16]

 

“Rhythmische Verhaltensweisen in Begleitung von Trommelschlägen und Musik führen zu erweiterten Bewusstseinszuständen über die gegenseitiges Vertrauen unter Mitgliedern der Gemeinschaft erzeugt wird”, so schreibt es Walter Freeman in “The Origins of Music”. Das belegt wiederum, dass Musik und Tanz biologisch und kulturell als Techniken zu sozialer Bindung entstanden sind. [17]


[1] Mithen 1996, 25.

[2] Holdermann 2001, 90.

[3] Sachs 1930, 114 f.

[4] Holdermann 2001, 91.

[5] Dieses Phänomen ist nicht auf die australischen Termiten beschränkt, sondern ist auch in unseren Breiten anzutreffen. Diesen freundlichen Hinweis verdanke ich meinem Onkel Martin Praxmarer, dem Förster der Gemeinde Zirl.

[6] nach: Seeberger 2002, 64 f.

[7] Harner 2002.

[8] nach: ebd., 84.

[9] Pomberger 2011, 37.

[10] Conard / Malina / Münzel 2009b, 23.

[11] Pomberger 2011, 36.

[12] Franz 1969, 100.

[13] Zagiba 1976, 11.

[14] Maurer 1992.

[15] Pomberger 2011, 35.

[16] ebd., 36.

[17] Freeman 2000, 411.

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