IV. Ritual und Religion

Der Glaube an übermenschliche Geister half dem Urmenschen, die feindliche Naturwelt zu erklären und sich in ihr zurechtzufinden [1]. Der homo sapiens des Jungpaläolithikums entwickelt neue Jagdmethoden. Kollektivjagd, wie Treiben von Wild über steile Klippen und die gemeinsame Großwildjagd aus kurzer Distanz, sind die bereits im Mittelpaläolithikum (Neandertaler) nachgewiesenen Jagdtechniken. [2] Die modernen Menschen verwenden neue Waffentechniken, die effektiver auf größere Distanz sind (zunächst die Speerschleuder, dann Pfeil und Bogen und die Harpune). Sie betreiben Kleinwildjagd und das Fischen. Die Jäger beginnen, die Jagdmethoden bewusst zu differenzieren. Bei der Schleichjagd benutzen sie Verkleidungen, ahmen die Bewegungsformen des Jagdwildes nach und simulieren die akustischen Äußerungen des Wilds. Aus den summierten Erfahrungen wächst die Einsicht, dass der Erfolg den Jägern nicht immer treu bleibt, und es entwickeln sich Verhaltensweisen, die den Jagderfolg begünstigen sollen. Aus solchen Erlebnissen, Erfahrungen und Denkanstößen entwickeln sich spätestens zur Zeit des Jungpaläolithikums Rituale zur Vorbereitung der Jagd, aus diesen wiederum früheste kultisch-magische Verhaltensweisen zum Leben, Zauberriten und Ansätze künstlerischer Äußerungen [3].

André Leroi-Gourhan ist einer der Forscher, die sich intensiv mit der Glaubenswelt der eiszeitlichen Menschen auseinandergesetzt haben. Er beschreibt Magie einfach als Technik, um Kontrolle über mysteriöse Kräfte zu erlangen. In den zahlreichen malerischen Abbildungen von Tieren, Menschen und Symbolen sieht er ein infrastrukturelles System. [4]

Die Bildkunst der Eiszeitmenschen, deutet ebenso auf schamanistische Praktiken hin wie die Instrumente der darstellenden Kunst.

trance_800Für die bildende Kunst liegen in den symbolischen Zeichen enge Parallelen zu den vom Schamanen in Trance halluzinierten Symbolen vor. Trance ist laut Lewis-Williams und Dowson ein physischer Zustand. Die Prozesse im Bewusstsein laufen bei allen Menschen gleich ab. „In der ersten Phase der Trance produziert das menschliche Gehirn geometrische Elemente und Muster, wie Spiralen, Schachbrettmuster, Zickzacklinien oder Punkte. Danach lässt es den Menschen zusätzlich Gegenstände halluzinieren, die sich mit den geometrischen Mustern verbinden und gleichzeitig bestehen. In der dritten Phase glaubt der Mensch durch einen Tunnel zu reisen, durch den er in eine phantastische […] Welt gelangt, in der […] auch Elemente aus den ersten beiden Trancephasen auftreten können. Jetzt hat der Betroffene das Gefühl, er könne sich in Tiere, Pflanzen oder sogar Gegenstände verwandeln. Er macht außerdem die Beobachtung, dass alle diese Wesen sich ineinander verwandeln und mischen können.“ [5] Die Symbole auf den Schwirrhölzern („Tschuringa“ oder auch “Womera”) der Aboriginees ― geometrische Muster wie Spiralen, Punktreihen, Kreise, parallele Linien und Ähnliches ― werden als verschlüsselte Botschaften aus der mystischen Vorzeit, der „Traumzeit“ angesprochen. Sie werden bei gemeinsam abgehaltenen mythischen Erzählungen eingesetzt. [6]

 

J. D. Lewis-Williams resümiert zur Höhlenmalerei der modernen südafrikanischen !Kung, dass der Fels ein Portal zur Geisterwelt ist, wo die Schamanen für das Leben der Kranken kämpfen, Regentiere töten und sich selbst in Tiere verwandeln. Für den Buschmann-Schamanismus sowie für einige schamanistische Gesellschaften in Asien und Nordamerika stellt er fest, dass die Hälfte der Männer und ein Drittel aller älteren Frauen Schamanen sind. Die !Kung bezeichnen ihre Schamanen als die Inhaber von übernatürlicher Kraft. Für Lewis-Williams ist ein Schamane ein Ritual-Praktiker, der in Trance tritt, um Kranke zu heilen, das Wetter zu kontrollieren, die Wanderungen von Tierherden zu begleiten, die Zukunft vorauszusagen usw. [7]

Bei den Ju’hoansi überliefert Viktor Grauer der Hauptteil der männlichen Stammesmitglieder wären Schamanen. Hier wird auch Hyperventilieren als Trance-Mechanismus erwähnt, und in Bezug zu Gesang gesetzt. Darin wäre vielleicht der Ursprung des Schamanismus zu sehen. [8]

 

Mit homo sapiens sapiens in Europa liegen mit der Höhlenkunst auch die ersten eindeutig symbolischen Darstellungen vor. Neben Symbolen finden wir Abbilder hauptsächlich von Tieren, weniger häufig von Menschen und Mischwesen.

Forscher von der Uni Victoria in Kanada (Genevieve von Petzinger unter Leitung von April Nowell) haben jüngst 146 Höhlen mit Felsmalereien untersucht. Sie stellten 2009 ein Repertoire von 26 Zeichen vor, die in Südafrika, Asien, Australien, Nord- und Südamerika und Mitteleuropa vorkommen. Abstrakte Zeichen sind bereits auf einem Rötelstück aus der Blombos-Höhle eingraviert (früher H. S. in Afrika mit den erwähnten Meeresschneckenrasseln). Dabei das sog. Zeichen “offener Winkel”, das an 42 % der Fundorte vorkommt.

Das besondere an diesen Symbolen wäre die Möglichkeit Wissen über die eigene Lebenszeit hinaus auszutauschen. Was genau sie bedeuteten wäre unbekannt. Allerdings sprach schon Jean Clottes von einer spirituellen Bedeutung der Zeichen: um mit übernatürlichen Kräften in Kontakt zu treten, oder in Zusammenhang mit Zeremonien oder mythischen Erzählungen. [9]

 

Solche Symbole, sowie Menschen in Tiervermummung und Tiere als Hilfsgeister lassen sich gut mit der Vorstellungswelt einiger Jäger- und Sammler-Kulturen der Neuzeit vergleichen.

 

Die Anthropologen C. Castaneda und M. Harner beschäftigten sich eingehend mit dem Schamanismus bei modernen Naturvölkern. Interessant ist, dass sowohl bei C. Castaneda bezüglich der Yaqui-Indianer Mexikos wie auch bei M. Harner nach 40 Jahren Feldforschung  mit nord- und südamerikanischen Indianern, in der kanadischen Arktis, in Lappland und Zentralasien, die Rolle von Tieren als Hilfsgeistern eine bedeutende ist.

Der Schamane begibt sich in Trance auf eine Suche. Harner beschreibt, dass Tiergeister als Hilfsgeister in dieser Welt erscheinen. Wenn sie zum vierten Mal erschienen sind, können sie sich als Begleiter wieder herbeirufen lassen.  [10]

 

Die Religionswissenschaftler Mircea Eliade und Ioan P. Culianu sahen im Schamanismus “strenggenommen keine Religion, sondern ein Ganzes von ekstatischen und therapeutischen Methoden, die alle das Ziel verfolgen den Kontakt mit dem parallelen Universum der Geister herzustellen um eine Unterstützung für die […] menschlichen Belange zu erwirken” [11]

 

Das tungusische Wort saman bedeutet “Einer der begeistert oder erhaben ist”.

Viktor Grauer verweist auf die “sucking cure” (das Aussaugen von Krankheit), die er bei den Aka Pygmäen und den Ju/’hoansi Buschmännern aufzeigt und als mögliches Kennzeichen des Schamanismus seiner HBC (Hypotetical Baseline Culture) führt. Dasselbe gilt für Traum- oder Trancelieder.  Typische Behausungen der Hypotetical Baseline Population sind die sog. Bienenstockhütten (z. B. auch die Mammutknochenhütten aus Kostenki). Skarifizierung und Körperbemalung und die Vorliebe für Honig sowie eine tonale Sprache sind weitere hypothetische Merkmale der frühen modern-menschlichen Kultur. [12]

Abschließend stellt sich die Frage welche Assoziationen die Eiszeitjäger mit ihren Totemtieren (vgl. Kleinplastik und Felskunst) verbunden haben.



[1] Meyer 1977, 36.

[2] Mithen 2005, 237 ff.

[3] nach: Brockhaus 1985, 40 f.

[4] Leroi-Gourhan / Michelson 1986, 9; 16.

[5] Lewis-Williams / Dowson 1988. ‒ Holdermann 2001, 95 f.

[6] Holdermann 2001, 97.

[7] Lewis-Williams 1992, 25; 6 f.; 29.

[8] Grauer 2011, 208 ff.

[9] Ravilous 2013.

[10] Castaneda 1972. ‒ Harner 1980, bes. 132 fff.

[11] Eliade / Culianu 1990, 195.

[12] Grauer 2011, 66; 44-60.

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