V. Musikethnologische Perspektiven

Bei den Venda unterscheidet sich nach John Blacking Musik (Song) durch Rhythmus von Sprache. In “How Musical Is Man?” schließt er auf die Rolle von musikalischer Praxis generell im Lernen bzw. in der Fortbildung der Menschheit: zur Entwicklung von Geist und Körper und dem Harmonisieren gesellschaftlicher Beziehungen. [1]

Harmonien in modern-menschlicher Musik könnten genetisch verankert sein. [2] Dazu hat Dereck Cooke 1959 in “The Language of Music” emotionale Bedeutungen,  die spezifischen Intervallen und Tonfolgen innewohnen herausgestellt (z. B. Dur/moll). [3]

Die Basisregeln von musikalischem Verhalten sind nach Blacking biologisch und auch kulturell bedingt und spezies spezifisch [4].

Dazu passen Vergleiche aus dem Bereich Biomusicology (Sammelband “The Origins of Music” (2000)):

Das Erlernen von Vokalisationen lässt sich im Tierreich außer beim Menschen bei Singvögeln, Walen und Delphinen beobachten. [5]

So singen manche Vögel in perfekten Tonleitern, manche haben ein Repertoire von 1000 Liedern [6]. Koordiniertes simultanes Singen gelingt nach S. Arom nur dem Menschen, allerdings erwähnt er antiphones Singen (Männchen und Weibchen singen ergänzend verschiedene Noten) in Zusammenhang mit Vogelpärchen. [7].

Musik im Tierreich ist durchaus kommunikativ.

So hat z. B. jede eigene Walpopulation ihr eigenes gruppenspezifisches Lied [8].

Die Struktur und Funktion von Musik mögen nach John Blacking grundlegend mit menschlichen Drängen und dem biologischen Zwang diese auszugleichen verbunden sein.

Diese Dränge werden in menschlich organisiertem Klang ausgedrückt, weil die Hauptfunktion von Musik in der Gesellschaft das Fördern von klanglich organisierter Menschlichkeit durch Erweitern des Bewusstseins ist.

Musik ist keine Sprache die beschreibt wie die Gesellschaft zu sein scheint, sondern ein metaphorischer Ausdruck von Gefühlen, die damit verbunden sind wie Gesellschaft wirklich ist. Sie ist eine Reflektion von und eine Antwort auf soziale Dränge und speziell auf die Konsequenzen der Aufteilung der Arbeit in der Gesellschaft. [9]

Nutzungsspezifische Lieder wären etwa: Mädchen- und Jungen-Initiation, Arbeitslieder (Koordinieren und erleichtern der Arbeit), Bierlieder, Kinderlieder, Protestlieder oder der Landes-Tanz. [10]

Die Balinesen erreichen durch Tanzen und Musik ein Bewusst-werden der Natur ihres Seins, des anderen ichs in ihnen und anderen Menschen und von ihrem Verhältnis mit der Umwelt. Sie treten in eine andere Welt aus virtueller Zeit ein. [11]

 

Generelle Konzeptualisierungen einer Welt-Musik wären zwar mit Bedacht aufzufassen, jedoch konnte Bruno Nettl [12] einige universelle Merkmale herausstellen.

Er sucht Verbindungen in der Musik von Naturvölkern und betont zunächst Vielseitigkeit und Verschiedenartigkeit. Jedoch habe die „World of Music“ ihre sozialen Einheiten.

Bei isolierten Stammesgesellschaften postuliert er eine übereinstimmende, einheitliche Struktur. [13]

Mit seinen „Universalen“ geht er von Sprache aus, die alle Menschengruppen kennzeichne. Außerdem hätten alle Gesellschaften Gesang, und zumindest einige Musik mit Metrum oder einem Takt. Der einfache Tonschritt auf die Sekund (oben und unten ein Viertelton Spielraum) sei universell. Alle Gesellschaften hätten einige Musik, die nur drei oder vier Töne ― für gewöhnlich große Sekunden und kleine Terzen ― kombiniert.

Außerhalb von Klang und Musikstil nennt er Musik und Ritual, sowie Musik als „transformierende Erfahrung“ im individuellen Bewusstsein oder im Ambiente einer Versammlung. Zudem wird Musik universell genutzt, um ein bestimmtes Ereignis zu markieren: Geburtstagsfeier, politische Kundgebung, Auftreten eines Königs, das Zusammenkommen von Stämmen.

Schließlich betont er die ersichtlich universelle Verbindung mit Tanz. Nicht jede Musik würde getanzt, aber kaum ein Tanz entbehrt Musik. Überall gibt es Musik die an das Übernatürliche adressiert ist und auch bewusstseinsverändernde Musik, die Erfahrung transformiert. Weniger häufig kommen pentatonische Skalen und Doppel- oder Vierfachtakt vor. [14]

Mit diesen Universalen stellt er ein bestimmtes Repertoire vor, das als „einfachsten Stil der Welt“ anspricht. Neben den untersuchten isolierten Naturvölkern tauche dieser Stil auch in Gesellschaften mit komplexerer Musik z. B. bei Kinderliedern auf, bei Spielen überhaupt und bei „veralteten“ Ritualen.

Wichtige Kennzeichen dieser universellen Musik lägen in Sektionen mit kleinen Intervallen und geringer Länge, und kurzen wiederholten Zeilen oder Strophen. Diese Züge findet man auch in musikalisch komplexeren Traditionen: von komplexer afrikanischer Stammesmusik über Sklavenepiken und moderne urbane minimalistische Musik, von der Begleitung klassischer indischer Tänze bis zur Rockmusik. [15]

 

Viktor A. Grauer, der mit Alex Lomax an einer statistischen Erfassung von Volksmusik-Gesängen (Cantometrics) gearbeitet hat, legt in „The World of Music“ 2006 [16] eine musikalische Version der Out-of-Africa-Theorie vor, und forciert in “Souning the Depths” (2011) seine Ergebnisse.  Die Monographie ist außerdem Online lesbar und (!!!) hörbar. Mit 85 Hörbeispielen und 13 Videos bietet er dem Internetuser eine mit Staunen und Respekt (vor dem hohen Niveau der polyphonen und rhythmisch exakten Sing- und Spielweise) gespickte Reise in die musikalische Welt der ersten homo sapiens von Afrika über die indische Küste bis nach Australien, Amerika und Mitteleuropa.

Seit 1961 arbeitete er mit Alan Lomax an einer vergleichenden „Welt-Musik“-Studie [17], und wurde stark von diesem geprägt. Die bereits von Lomax vorgestellte Pygmoide Familie spielt die zentrale Rolle in Grauers „Echoes of our forgotten Ancestors“.

Neueren Genanalysen zufolge geht die DNA der Buschmänner und der Pygmäen bis zur DNA der Ureinwohner Afrikas zurück.

Die Analysen ergeben ein mögliches frühestes Datum für den hypothetischen Gründer der Biaka-Pygmäen (bzw. Aka-Pygmäen) um 102 000 Jahre vor Heute. Der Musikstil der Buschmänner der Kalahari Wüste (Gründerzeit frühestens 54 100 v. H.) hängt eng mit dem der Pygmäen zusammen, die im Tropenwald leben, also einem sehr unterschiedlichen ökonomischen Umfeld.

Grauer spricht von einer gemeinsamen musikalischen Sprache [18].

Grauer präsentiert die Vorfahren der Pygmäen als „früheste Manifestation“ des homo sapiens in Afrika. Im Gesang stellt er im Sinne von Cantometrics folgende Eigenschaften heraus:

Die Gruppenperformance ist ineinander verzahnt, mit höchster vokaler Mischung, Polyphonie, präzise koordinierten Rythmen, gejodelt und mit offenen, entspannten Hälsen, keiner Verzierung, kurzen Phrasen, bedeutungslosen Worten und mehr.

Besonders interessant sei das Produzieren eines durchgehenden Flusses von Klängen, basierend auf einander abgestimmte, wiederholte oder leicht variierte Motive. [19] Ein wichtiges Merkmal des Pygmäen-Buschmann-Stiles wäre das Hoquetieren (im mitteleuropäischen Mittelalter wurde eine ähnliche Methode als Hoquetus bezeichnet [20]), eine Art der Verzahnung, bei der abwechselnd gespielt und pausiert wird und der Effekt einer komplementären Ergänzung in der Melodieführung entsteht.

Eine Vereinfachung desselben Prinzips verfolgt Grauer bis zu den Siamang-Gibbons zurück: das “shouted hocketing”, bei dem schnelles Verzahnen und/oder Austausch von gerufenen, gejohlten oder gejodelten Tönen zu beobachten ist. [21]

Aus dem Online Buch von 2011 ließe sich noch folgendes ergänzen:

Die bedeutungslosen Worte bestehen gewöhnlich aus offenen Vokalen wie “oh” und “ah”; variierende melodischen Strukturen, die auf kurzen Motiven basieren (mit einer darunterliegenden melodischen Phrase in Andeutung, aber oft nicht hörbar); häufige Imitation von Teilstücken, wie in einem Canon oder im Kreis; große melodische Sprünge; ein kontinuierlicher Fluss von ineinander verwobenem Klang ohne Pausen. Meistens wird der Gesang von komplexem, oft polyrhythmischem Klatschen, Stockklopfen oder Rassel-Folgen begleitet. (die Trommel gehört nach Grauer nicht zu den traditionellen Instrumenten, wird aber heute benutzt). Außer dem Mundbogen verzeichnet Grauer keine Seiteninstrumente. [22]

Besonders überzeugend sind die polyphonen Blasinstrumentenensembles, die im Pygmäen-Buschmann-Stil gespielt werden: Rohre, Pfeifen, Trompeten, Hörner oder Flöten. Typischerweise erzeugt jedes Instrument nur eine Note, manchmal eine wiederholte Phrase. Damit werden resultante Melodien, Rhythmen oder polyphone Gefüge produziert. [23]

Sehr wahrscheinlich sind diese Instrumente für Grauers Hypothetische Baseline Culture (HBC) anzunehmen. Zur “hocketing percussion” zählt er Stampfröhren, Trommeln, Gongs und Xylophone. Dieses Instrumentarium ist nach Grauer für die HBC nicht anzunehmen, aber wahrscheinlich bei der Wanderung über die Kontionente bereits entwickelt (in seiner Hypothetical Migrant Culture). Letzteres gilt auch für Spalttrommeln und Membranophone. Auch die Felskunst ist der HBC unbekannt, aber in der HMC gängig. [24]

Im Gegensatz zum Pygmäen/Buschmann-Instrumentarium stehen in Afrika die Instrumente der Bantu-Expansion (ca. 2000 bis 4000 J. v. h.):

Ruf-und-Antwort-Chorgesang, relativ einfache Gesangsharmonien, viele gezupfte Saiteninstrumente, verschiedenste Aerophone, wie Flöten, Pfeifen, Hörner, Trompeten usw.; eine ganze Reihe von Percussionsinstrumenten, von einfachen “Glocken” über Stöcke, Rasseln, Xylophone usw. bis hin zu einer kunstvollen Subkultur um die Trommel. [25]

Besonders interessant ist die musikalische und die Gesellschaftsordnung im Vergleich:

bei den Pygmäen gewissermaßen egalitär ― nicht hierarchisch, d. h. jede Person scheint komplette Freiheit zu besitzen.

Bei den Ackerbau betreibenden Bantu zeigt sich Solo-Chorus Interaktion mit Führungs-Rollen, das Trommeln bewerkstelligt eine Gruppe von Spezialisten. [26]

Die Hypotetical Baseline Culture (h. s. aus Afrika) kennt keinen Krieg, keinen Kannibalismus, keine Blutfeden, Überfälle, Sklaverei, Prostitution oder sexuelle Verstümmelung. [27]

Grauer begibt sich auf die Spuren modernen Menschen aus Afrika über die Kontinente. Er weist auf universelles Hoquetieren bei Pygmäen und Buschmännern, sowie bei manchen Bantu-Stämmen (Auftreten in Afrika frühestens 23 200 J. v. H. nach Genanalysen [28], bei den Sajek in Taiwan, den Dani in Neuguinea, den Ainu in Japan, den Jivaro und Campa in Südamerika, den Hupa in Kalifornien, sowie bei jodelnden Hirten in der Schweiz und italienischen „Tralalero-Stil“-Schiffern hin [29].

In sounding the depths hört man gesungenes oder mit Panflöten ausgeführtes Hoquetieren, wobei manchmal der Unterschied verschwimmt und z. T. gar nicht erkennbar ist.

Durch Grauers Hörbeispiele wird die erste modern-menschliche Musik greifbar und bekommt auch bezüglich der Instrumente scharfe Konturen:

(www.soundingthedepths.blogspot.co.at)

Blasinstrumente mit Löchern, also mehreren Tönen (und vermutlich auch das Anbringen von Mundstücken) erscheinen somit erst im Zuge der Wanderung und zum ersten Mal im Jägereldorado in den eisfreien Zonen Mitteleuropas, wo auch der Eiszeitspezialist homo sapiens neanderthalensis trällerte.



[1] Blacking 1973, 27;  xi f.

[2] ebd., 7.

[3] Cooke 1959.

[4] Blacking 1973, 100.

[5] Whaling 2000, 65 f.

[6] nach: Arom 2000, 52; Es handelt sich um die nordamerikanische Rotrücken-Spottdrossel.

[7] Arom 2000, 57 f.

[8] Payne 2000, 135.

[9] Blacking 1973, 101 fff.

[10] ebd., 40 f.; 50

[11] ebd., 51 f.; 27.

[12] Nettl 2000.

[13] Nettl 2000, 464 f.

[14] nach: ebd., 467 fff.

[15] ebd., 468 ff.

[16] Grauer 2006 a, b, c.

[17] Grauer 2006 c.

[18] ders. 2006 a, 5. ‒ ders. 2011, bes. 34 f.

[19] ders. 2006 a, 8 ff.

[20] ders. 2011, 12.

[21] ebd., 203 f. mit Tab 16.1.

[22] ebd., 12 ff.

[23] ebd., 89.

[24] ebd., 83; Tab. 1, 92-102.

[25] ebd., 13 f.

[26] ebd., 35 fff.; 44.

[27] ebd., 58.

[28] ders. 2006 a, 9.

[29] ebd., 17.

http://soundingthedepths.blogspot.com/

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