10. Einfachrohrblätter: “Steinzeitklarinette”

Nach einem Vortrag von Jean-Loup Ringot bei der Öguf-Tagung 2010 [1] ist das Blasinstrument aus der Hohle-Fels Höhle wahrscheinlich als eine Art Schalmei oder Klarinette zu rekonstruieren.

Flöte_HF

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Flöte 1“ aus der Hohle Fels Höhle, gef. 2008, Gänsegeier-Speiche, Aurignacien
(Conard / Malina / Münzel 2009a, 737)

BambusschalmeiMirliton_Klarinette_cut.Steinzeitklarinette“ aus Bambus mit Birkenrindeblatt (o.), aus Vogelknochen mit Gamshornblatt, Birkenteerklebung, Mirliton (u.) (Fotos: M. Praxmarer)

Es handelt sich um ein einfaches Rohrblattinstrument.

Auf das schräg abgeflacht zulaufende obere Ende kann ein Holzblättchen, vornehmlich aus Birkenrinde, darauf gelegt und oben mit gewachster Hanfschnur festgebunden werden.

Es ergeben sich ein mit modernen Klarinetten vergleichbares Mundstück und ein verzerrter markanter Klang (vgl. SteinzeitSession: Entenjagd).

Jean-Loup Ringot ist Museumspädagoge und bietet als „Steinzeitanimateur“ Programme für Schulen und Museen an (http://www.steinzeiterlebnis.de).

Der Nachbau erweist sich als sehr unkompliziert. Die Birkenrinde muss nur geschliffen und ausgeschnitten werden.

Durch einen freundlichen Literaturhinweis von Frau Mag. Beatrix Nutz (Inst. Archäologien, Ibk.) konnte die Bautechnik noch verfeinert werden. In Studien zur Muskigeschichte VIII erläutert Ringot kurz seine Rekonstruktion [2]. Im darauffolgenden Artikel von Simon Wyatt [3] kommt der entscheidende Tipp: Er erzielt zum Einen eine größere Länge über das Zusammenkleben mehrerer Vogelknochen. Abgebildet sind Verbindungen mit Bienenwachs (und eine Hornmuffe?). Der Verf. probierte das Kleben mit Birkenteer, was eine stabile Verbindung ergibt. Des Weiteren verwendete Wyatt auch Horn für das Rohrblatt, was der Verf. auch (mit Gemsenhorn) probierte und was wunderbar funktioniert.

Musikalisch beachtenswert sind die Tonfolgen die mit den Nachbauten des Hohle-Fels-Instruments zu erzielen sind: Pentatonische Skalen.

Die folgenden zwei Tabellen zeigen die gemessenen Frequenzen für zwei verschiedene Klarinetten-Mundstücke aus Gemsenhorn mit demselben Korpus.

 

Erstes Mundstück

Löcher (o. nach u.) Gemessene Frequenz (Hz) Tonstufe Abweichung (cents)
1 280 Cis 17,51
2 334 E 22,81
3 366 Fis 18,78
4 441 A 3,93
5 495 H 495
alle zu 570 Cis 48,15

Die Abfolge Cis, E, Fis, A, H, Cis entspricht der cis-Moll-Pentatonik.

 

Zweites Mundstück (Abb. oben)

Löcher (o. nach u.) Gemessene Frequenz (Hz) Tonstufe Abweichung (cents)
1 269 C 48,12
2 301 D 42,71
3 344 F 26,11
4 398 G 26,32
5 452 A 27,32
alle zu 527 C 12,36

Die Abfolge C, D, F, G, A, C kann man als Csus4-Pentatonik ansprechen.

 

Damit ist die pentatonische Tonleiter über 30 000 Jahre älter als es das Oxford-Dictionary of Music von 1994 überliefert [4]. Imgrunde bestehen Pentatoniken aus aufeinanderfolgenden Intervallen von großen Sekunden und kleinen Terzen, von denen noch später die Rede sein wird (siehe: Kap. Musikethnologische Perspektiven).



[1] pers. Mitt. Mag. Michael Schick; vgl. auch Vortragskonzert Archäomusik Vienna „Am Anfang war die Stimme“, nat. hist. Mus. Wien, 6.03.2012.

[2] Ringot 2012.

[3] Wyatt 2012.

[4] Trehub 2000, 433. ‒ M. Kennedy, The Oxford Dictionary of Music, 2nd ed. Oxford: Oxford University Press (1994).

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